Thesen des Kommunismus (2/2)

Die Zukunft bestimmen wir:
Die Reproduktion einer emanzipatorischen Vision

handgemenge
* Der Kommunismus kann nur verwirklicht werden, wenn neben dem kapitalistischen System auch die Nationalstaaten überwunden werden. Da die kapitalistischen und staatskapitalistischen Staaten durch eine Ordnung abgeschafft werden sollen, ist die kommunistische Perspektive strikt antinational. Der Bezug auf internationale Solidarität räumt Nationalstaaten ihre Legitimation ein und ist von weltweiter Solidarität, mit dem Ziel trennende Grenzen zu überwinden, zu unterscheiden. Die antinationale Ausrichtung muss fest verankert sein und darf nicht durch linksnationale Kurse verdrängt werden. Deshalb ist der Bezug zu jeglicher nationalen Gegebenheit falsch. Nationale und radikale, antiimperialistische Bewegungen sowie Kämpfe sind zu hinterfragen und falls diese sich auf Kategorien wie Völker, Nationen und Staaten beziehen, zu kritisieren. Eine Zwischenetappe wie die realsozialistischen Versuche es waren, vom kapitalistischen zum sozialistischen Nationalstaat, führt in die Sackgasse.

* Die Sprache des Kommunismus muss für alle zugänglich und verständlich sein. Ökonomie, Soziologie und Politik sind allgemein verständlich und klar aufzuzeigen, aber Erklärungen und Meinungsbilder dürfen nicht so abstrakt aufgebaut und formuliert sein, dass lediglich ein akademisches Umfeld diese verstehen und nachvollziehen kann. Der Kommunismus soll offen und frei für alle Menschen sein, fernab ihres Wissens und ihrer Bildung und ohne auf negative Personalisierungen und Verschwörungstheorien zu setzen. Eine einfache aber erklärende Schriftsprache zu wählen ist nicht einfach, denn ein Herunterbrechen kann zu fatalen Missverständnissen führen. Dennoch ist es wichtig mit einer positiven Motivation auf die Gesellschaft zuzugehen. Es kommt aber auch auf den Ansatz an. Meist schwingt eine vorwurfsvolle Haltung mit, in der die noch nicht klassenbewusste oder gar kommunismus-ablehnende Mehrheit als unwissend, dumm oder manipuliert undifferenziert verurteilt wird. Wenn Kommunist*innen sich ins Bewusstsein rufen, dass Teile der Lohnabhängigen aus unterschiedlichsten Gründen weder im Jetzt noch später zu überzeugen sind, gibt mensch diese abwehrende Haltung auf.

* Der Kommunismus und besonders alle Kommunist*innen müssen von personalisierter Glorifizierung gelöst werden. Die kommunistische Vision ist weit mehr als das, was Menschen in der Geschichte theoretisch geschrieben oder praktisch getan haben. Die kommunistische Geschichte hat mehr zu bieten, als einzelne Kader. Viele unbekannte Menschen im Individuellen sowie in der Masse prägten die Vorstellungen und die Ausgestaltungen der Idee. Dass viele marxistische Strömungen sich nach Personen nennen und sich einseitig auf diese beziehen, ist befremdlich. Vielmehr müssen alte wie neue Konzepte hinterfragt, reflektiert und neu zusammengesetzt werden. Selbst Marx lag bei elementaren Punkten daneben und eine glorifizierende Sichtweise auf seine Werke fördert zwar die kommunistische Tradition am Leben zu halten aber nicht die Welt in der Gegenwart zu analysieren. Denn bestimmte Visionen und Analysen von ihm, genauso von weiteren Publizist*innen trafen und treffen ökonomisch, politisch und gesellschaftlich nicht zu.

* Der Kommunismus muss sich an den gesellschaftlichen, politischen, soziologischen und ökonomischen Gegebenheiten orientieren und sich diesen veränderten Gegebenheiten anpassen. Die postmarxistischen Weiterentwicklungen, die sich weiter dynamisch verändern und anpassen, sind Betrachtungsformen dieses Prozesses. Der Kommunismus darf nicht nur als ökonomische Antwort auf Alles gesehen werden. Soziologische und psychologische Aspekte dürfen nicht ausgeklammert werden. Die Arbeiter*innenklasse oder die Masse von Lohnabhängigen, je nach individueller Einschätzung die revolutionären Subjekte, ist nicht zwingend aufgeklärt und fortschrittlich. Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Sexismus, Homophobie, Transphobie sowie Klassismus, Sozialchauvinismus und Nationalismus sind bei diesen Menschen vorhanden und oft fest verankert. Nicht weil böse „Kapitalist*innen“ oder das System diesen die reaktionäre Formen eingeimpft haben, sondern weil diese ihnen durch ihre eigene (negative) Sozialisation und ihr jeweiliges Umfeld angeeignet wurden. Im Kapitalismus schaffen sich die Menschen durch Egoismen und ettbewerbsgedanken neben den strukturellen Bedingungen ihr Streben nach Konkurrenz und Nützlichkeitsabwertungen durchaus auch selbst. Deshalb lösen sich diese Vorbehalte und Diskriminierungen nicht einfach durch die Abschaffung des Kapitalismus und somit des Konkurrenz- und Wettbewerbsdenkens ab, sondern Spaltungs- und Unterdrückungsmechanismen werden durch Selbstreflexionsprozesse, Gespräche, Diskussionen, Diskurse und Überzeugungen abgeschafft. Dieser Weg ist schwierig und lang, aber so viele Kommunist*innen wie möglich sollten ihn gehen.

* Eine revolutionäre kommunistische Partei würde sich gemäß dem leninistischen Prinzip nach dem Zusammenbruch des Bisherigen eben nicht auflösen, um den Weg frei für basisdemokratische Gewerkschaften und rätekommunistischen Betriebs- und Gesellschaftsstrukturen zu machen. Stattdessen würden, wie es sich in der Vergangenheit mehrmals durch staatskapitalistische Versuche ereignete, ein neuer Staat in einem überhaupt existierenden Staat und eine Bürokratisierung zum Machterhalt entstehen. Dieser Konterrevolution von Links ist eine Selbstverwaltung der gesellschaftlichen Bereiche und die massenhafte Selbstorganisation entgegenzusetzen. Für eine wirkliche soziale und kommunistische Revolution. Die gesellschaftliche Planung von unten und die kollektive Organisierung schaffen die Bedingungen für die Befreiung der Menschen. Der Glaube an und der Wille zu einer autoritären Kaderorganisation, die die Herde von fehlgeleiteten Schafen führen will, führen zur Verkrustung von Macht- und Unterwerfungsverhältnissen. Die kommunistische Partei löst sich nach der erfolgreichen Transformation nicht auf, denn die Eliten verlieren dadurch ihre Positionen und Macht. Stattdessen bildet diese einen bürokratischen Staat im Staat. Die Selbstverwirklichung, die Sehnsüchte nach was Besserem und die Wut des Protestes müssen von allen gleichberechtigt getragen werden und darf nicht an ein paar Wenige delegiert, abgegeben oder überlassen werden.

* Die zukünftige kommunistische Gesellschaft darf keine homogene Ordnung der Kaderbildung und der Partei-Organisation sein. Die klassenlose Gesellschaft bedeutet klassenlos und lehnt alle hierarchischen Strukturen und autoritäre Machtverhältnisse ab. Die soziale und antinationale Befreiung erfolgt durch die umfassende Partizipation und durch neue Methoden der Entscheidungs- und Konsensfindung. Zur Überwindung des kapitalistischen Systems werden antiautoritäre Erklärungsweisen inklusive eines libertären Fundaments benötigt. Pluralistische Deutungsmuster und umfassende Partizipationsmöglichkeiten sind zu ermöglichen, zu akzeptieren und zu fördern.
Denn das Ziel der herrschaftslosen, ausbeutungsfreien und selbstverwalteten Gesellschaft benötigt die Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen. Weder eine Strellvertreter*innenpolitik noch straff zentralistische Organisationen können dieses Ziel erreichen. Der Kommunismus darf keiner Kaserne gleichen, in dem mensch die zugewiesene Funktion zu erfüllen hat, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen, Mängeln, Sehnsüchten, Sorgen, Gegebenheiten und wahrt die Freiheit und Individualität. Nicht das Zentralkomitee oder Parteigliederungen sondern die Mehrheiten der Basisversammlungen in den Wohnorten, Betrieben, Schulen, Universitäten, Gemeindezentren und weiteren sozialen Räumen entscheiden und organisieren den Lebensraum sowie den Alltag.

* Der Kommunismus bezieht sich auf die Masse und Klasse der Lohnabhängigen und Betroffenen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, da diese die Mehrheit der Menschen darstellen und ihre Abhängigkeit von Staat, Markt und Kapital am stärksten ausgeprägt ist. Durch unterschiedliche Aktions- und Protestformen wie Massenstreiks, Generalstreiks und subversiven Aktionen entstehen die Abschaffungsmöglichkeiten des Bestehenden. Die antikapitalistische Maulwurfarbeit findet nicht nur in Arbeitskämpfen und auf der Straße statt, sondern auf mehrdimensionalen Ebenen der Intervention. Die kommunistische Perspektive darf sich nicht nur auf die klassische Arbeiter*innenbewegung, meistens ist hier das Industrieproletariat gemeint, fokussieren sondern sollte alle Menschen in den heutigen Dienstleistungsgesellschaften mit einbeziehen, die vom kapitalistischen Alltag betroffen und von Lohnarbeit (nicht) abhängig sind. Auch Rentner*innen, Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, Flüchtende und weitere in der Linken marginal beachtete Personengruppen sollten in basisdemokratischen Organisationsformen die Existenzbedingungen des Kapitalismus und die sozialen Spaltungsprozesse abschaffen. Der Kommunismus muss in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirken und den Alltag nach dem Bruch mit Staat, Nation, Kapital, Lohnarbeit und der Warenproduktion lebenswert machen.

* Die Organisierung und die Aktivitäten von Kommunist*innen erfolgen in basisdemokratischen Basisgruppen und lokalen sozialen Räumen wie Betrieben, Stadtteilen, Kleinstädten, Wohngemeinschaften, linken Zentren, Universitäten, Schulen und weiteren Formen des Zusammenkommens von Menschen. Eine Mischform aus der Internet-Technologie (Abstimmungen, Informationen, Diskussionen) und Versammlungen vor Ort können die Organisation und Durchführung von basisdemokratischen Strukturen ermöglichen. Eine Vernetzung weltweit oder zumindest so umfassend wie möglich für einen grenzenlosen, kosmopolitischen kommunistischen Antinationalismus gehört zu dem Verständnis dazu. Bestehende, überregionale Organisationen können entweder in diesen aufgehen oder sie behalten ihre Existenz, suchen dafür verstärkt die Zusammenarbeit mit den Kleingruppen. Die Basisgruppen sollten je nach personeller, zeitlicher, finanzieller, räumlicher und inhaltlicher Möglichkeiten (über)regional zusammenarbeiten und sich vernetzen. Diese Verflechtung wahrt einerseits emanzipatorische Strukturen (Gruppe agiert durch Entscheidungen aller Mitglieder; Auflösung der Dominanz überregionaler Gruppen), schützt bedingt vor Repressalien (keine Zerschlagung einer Gesamtorganisation) und kann gezielt in ihrer jeweiligen Umgebung agieren sowie durch Bündnisse einen gemeinsamen Weg gehen. Ein Zusammenschluss aller Basisgruppen zu einer Gesamtorganisation kann die jeweiligen Ziele, Analysen und Vorgehensweisen der Basisgruppen kaschieren und autoritäre Strukturen von Oben ermöglichen. Trotzdem sind die stärkere Zusammenarbeit und die Schlagkraft gebündelter Räte-Strukturen nicht außen vor zulassen. Deswegen muss eine Entscheidung, wie innerhalb der Transformationsphase (traditionell „Revolution“ genannt) sich weiter und umfassender organisiert wird, bis dahin vertagt werden. Dafür sind rätekommunistische kontinuierliche Organisationsformen wie Basisgruppen und deren Vernetzung jetzt flächendeckend und kontinuierlich aufzubauen.